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Tagungen

19. Jahrestagung der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft

Termin: 21.-23. November 2019
Tagungsleitung: Prof. Dr. Svenja Hagenhoff
Tagungsort: Erlangen, Kreuz & Quer Haus der Kirche
Drittmittelgeber:

Internationale Buchwissenschaftliche Gesellschaft



Zusammenfassung

Boundary Objects: an den Grenzen einer Buchwissenschaft: Die IBG-Jahrestagung 2019 unternimmt den Versuch, für das »Kleine Fach Buchwissenschaft« Anknüpfungspunkte zu umliegenden, relevanten weiteren Expertisen auszuloten und vice versa die Attraktivität unserer nativen Expertise für kooperative Forschungs- und Lehrvorhaben aufzuzeigen. Im Zuge des – völlig unspezifizierten – Totalphänomens Digitale Transfor­mation stellt sich einmal mehr die Frage, was die Grenzen resp. Spezifika eines Forschungs- und Lehrgegenstands sein sollen, welche Phänomene im Kern der eigenen Expertise liegen, wo fruchtbare Berührungspunkte zu anderen Experten sind und welche Methoden benötigt werden, um konkurrenzfähige Forschung leisten und eine zeitgemäße Aus- und Weiterbildung von Studierenden und Promovierenden sicherzustellen.

Programm

Expertinnen und Experten sprechen und diskutieren zu den folgenden drei Themengebieten:


Wer schöpft hier was: Arbeitsteilung zwischen Algorithmen und (kreativen) Menschen

Die Medienbranche und insb. die Buchbranche positioniert sich gerne als Kultur- und Kreativwirtschaft. Gefühlt gegensätzlich dazu stehen Ideen von Automatisierung und Algorithmisierung: ihnen wird der Verlust von Kreativität und Menschlichkeit zugeschrieben, gleichzeitig die Verflachung oder gar der Untergang von Kultur und Qualität oder ein Verlust von Kontrolle über dieses schützenswerte Phänomen beschworen. Provokant ist dann die Aussage von Tim Lee: »Publishing is not evolving. Publishing is going away. Because the word publishing means a cadre of professionals who are taking on the incredible difficulty and complexity and expense of making something public. That’s not a job anymore. That’s a button. There’s a button that says publish, and when you press it, it’s done.«


In diesem Themenkomplex soll aufgezeigt werden, welches Automatisierungspotenzial in der ›Kreativwirtschaft‹ bereits in welcher Qualität realisiert ist (Übersetzungen, Wetter- und Sportberichte, Komposition von Musik, Analyse von Bildern, Erzeugen von Gemälden), welche Funktionen in der Wertschöpfung der Wirtschaft der Schrift- und Lesemedien betroffen sein können und was sich daraus auch für die Ausbildung von Studierenden ergibt.


Berührungspunkte sehen wir zu Computerlinguisten, Musikexperten, Bildwissenschaftlern, Bibliothekaren und Biblio­theks­wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Informatikern.


Als Experten und Impulsgeber haben bereits zugesagt:



  • Prof. Dr. Meinard Müller, International Audio Laboratories Erlangen, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Meinard Müller wird die Möglichkeiten und Grenzen des automatisierten Umgangs mit Tönen erläutern. Er ist Experte für Musik.

  • Prof. Dr. Stefan Evert, Computational Corpus Linguistics, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Stefan Evert ist Experte für Stilometrie. Er wird erklären, wie komplexe und ›einfache‹ Werke mithilfe quantitativer Verfahren stilistisch unterschieden werden können.

  • Prof. Dr. Christoph Bläsi, Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz übernimmt den Versuch, die Optionen der Automatisierung und des Einsatzes von KI-Technologien im Wertschöpfungssystem der Buchmedienkommunikation zu systematisieren.


 


Metamorphosen von Artefakten und Praktiken

Die Digitalisierung verändert die Beschaffenheit von Medien als Artefakte sowie Rezeptions- und Nutzungspraktiken. Die Veränderungspotenziale sind vielfältig und vielschichtig und bisher nicht differenziert und strukturiert analysiert worden: Digitale Objekte benötigen z.B. eine Schnittstelle zur Mensch-System-Interaktion, die mithilfe von klickbaren Icons realisiert wird. Diese sollen Praktiken an und mit ehemals dreidimensionalen kodexartigen Objekten im Zweidimensionalen ermöglichen, fordern die gelernten Praktiken aber auch heraus. Seit Jahrhunderten ist die Seite als einzelnes inhaltstragendes Element von so großer Bedeutung, dass diese in digitalen Objekten weiterhin (dominantes Design, Skeuomorphismus) als inhaltstragendes Gebilde in fixer Form gestaltet wird (mit Blätteroptik), obwohl das Erscheinungsbild des Ensembles aus Schriftzeichen und Bildern durch das Responsive Design variabel und in immer neuen Formen algorithmisch gesteuert ausgeprägt werden könnte. Diese Dynamik ist eine Herausforderung für die Rezeption und die Nutzung, da die spezifische visuelle Struktur von Zeichenensembles in einer über Jahrhunderte gewachsenen Printmedienkultur erlernt wurde. In Bezug auf die Modalität der Präsentation von Inhalten ist eine Verschiebung von Text- und Bildkomponenten zugunsten letzterer zu beobachten. Die bisherigen Grenzen zwischen Textualität und Bild werden zugunsten synergetischer Übergänge, Verbindungen und Metamorphosen aufgelöst, verschiedene Autoren beschreiben multimodale Kommunikation sogar als Standardfall, der aber vom Empfänger höhere Integrationsleistungen und Multiliteracy als Kompetenz statt Lesen im engen Sinne (Literacy) erfordert. In diesem Themenkomplex sollen die Potenziale und Herausforderungen der Digitalisierung jenseits von E-Books als ›Bleiwüste auf 0-1-Basis‹ aufgezeigt werden.


Berührungspunkte sehen wir zu HCI-Gestaltern, Kognitionspsychologen, experimentellen Literaturwissenschaftlern, Innova­tionsforschern.


Als Experten und Impulsgeber haben bereits zugesagt:



  • Dr. Rieke Jordan, Institut für England- und Amerikastudien, Goethe-Universität Frankfurt am Main. Rieke Jordan beschäftigt sich unter dem Begriff works in progess mit dem Nicht-Abgeschlossenem als Erzählform und den Folgen für die Beziehungen zwischen AutorInnen und mitgestaltenden RezipientInnen.

  • Prof. Dr. Thomas Ernst, Faculteit der Geesteswetenschappen, Capaciteitsgroep Duitse en Scandinavische talen & culturen, Universiteit van Amsterdam sowie Departement Letterkunde, Faculteit Letteren & Wijsbeg, Universiteit Antwerpen.


 


Jetzt ist alles anders! Wirklich? Was genau ist denn die Differenzqualität des Digitalen?

Die aktuelle Diskussion um die »tiefgreifende Transformation durch Digitalisierung« ist durch zwei Auffälligkeiten gekennzeichnet: in der inflationären Verwendung der prägenden Begriffe Digitalisierung, Algorithmus und Daten oder Datenzentrierung macht sich kaum einer die Mühe des Benennens und Erläuterns, wie die damit bezeichneten Phänomene zu fassen seien, es fehlt schon an der eigentlich selbstverständlichen Grundlage, dass zu guter Theoriearbeit auch Begriffsarbeit gehört. Zudem wird kaum herausgearbeitet, was an vermeintlich neuen Konzepten oder Zugängen eigentlich die Differenzqualität zu vorangegangenen Zuständen ausmacht. Algorithmen, Daten und Digitalisierung selber sind drei der Kandidaten, die häufig benutzt, und nur selten fundiert und differenziert erläutert werden, womit kaum anderes geleistet werden kann als Bedeutungsverunklarung ohne eine Chance auf Gewinn an Erkenntnis oder wohlbegründeter Meinung. Stattdessen wird viel Unspezifisches zugeschrieben (»noch nie dagewesener, tiefgreifender Wandel«) ohne dass Referenzzeitpunkte oder Kriterien klar benannt werden, an denen oder mithilfe derer der konkrete Wandel feststellbar wäre. Nicht nur der öffentliche Diskurs zur Bedeutung der Digitalisierung für die Zukunft der Medienwirtschaft und -kultur, auch der akademische tendiert zu undifferenzierten und un­frucht­baren Extremen: an einem Ende wird der potenzielle Untergang etablierter Gepflogenheiten, Kennt­nisse und Fähigkeiten befürchtet und beklagt mit ausschließlich negativen Konsequenzen (Verlust-Szenarien, Dystopie) für einzelne Akteure und das gesellschaftliche Miteinander, am anderen Ende dominiert die Technikeuphorie (Frischer-Wind-Sze­narien, Utopie).


In diesem Themenkomplex sollen die (methodisch-epistemologischen) Herausforderungen und Lücken in Bezug auf den vermeintlich tiefgreifenden Wandel herausgearbeitet und der Versuch unternommen werden, die Differenzqualität zu vorangegangenen Zuständen oder Techniken zu identifizieren.


Berührungspunkte sehen wir zu Kommunikationshistorikern, Medienhistorikern, Technikhistorikern, Innovationsforschern sowie zu Methodenexperten aus den Computational Social Sciences.


Als Experten und Impulsgeber haben bereits zugesagt:



  • Dr. Peter Gentzel, Institut für Medien, Wissen und Kommunikation an der Universität Augsburg. Peter Gentzel ist Kommunikationswissenschaftler und wird u.a. die Notwendigkeit der Überarbeitung des Medienbegriffs anregen.

  • Silke Fürst, Department of Communication and Media Research (DCM),Université de Fribourg. Silke Fürst beschäftigt sich unter anderem mit der Rolle der öffentlichen Kommunikation bei der Diffusion neuer Medien.


In einem vierten Fokus beschäftigen sich die VertreterInnen der Hochschulen der verschiedenen Bachelor- und Masterstudiengänge »mit Buch« mit der Frage:


Was machen wir da eigentlich?

Wir fragen uns, wie die Konturen und Profile unserer Studiengänge aus welchen Gründen aussehen, diskutieren, welchen Herausforderungen wir an unseren Standorten begegnen und wo Veränderungen und Ver­änderungs­notwendigkeiten entstehen. Wir fragen uns, wo zwischen »Buch« und »Medien« wir uns bewegen, wieviel Breite (»Konvergenz«) und wieviel Spezifität (Schrift- und Lesemedien?) wir warum brauchen, und wieviel »TechExpertise« und welche unsere Studierenden eigentlich lernen müssen. Das Ziel ist es, eine neue Landkarte unserer akademischen Ausbildungs-Engagements zeichnen, zu überlegen, welche Studierenden wir suchen und welche Außendarstellung und gemeinsamen Anstrengungen wir dafür benötigen.


Zeitplan der Tagung

Donnerstag, 21. November 2019



  • Bis 13 Uhr: Get together

  • 13:00 Uhr: Kurze Begrüßung

  • 13:15 – 16 Uhr: Wer schöpft hier was: Arbeitsteilung zwischen Algorithmen und (kreativen) Menschen

  • 16:30 – 18:00 Uhr: Socializing mit Besuchsprogramm in Erlangen

  • 19:30 Uhr: Formale Eröffnung der Tagung mit einer öffentlichen Keynote


Freitag, 22. November 2019



  • 09:00 – 13:00 Uhr: Metamorphosen von Artefakten und Praktiken

  • 13:00 – 14:30 Uhr: Mittagessen

  • 14:30 – 17:30 Uhr: Jetzt ist alles anders! Wirklich? Was genau ist denn die Differenzqualität des Digitalen?

  • Ab 19:00 Uhr Gemeinsames Abendessen der Tagungsteilnehmer


Samstag, 23. November 2019



  • 08:30 – 09:45 Uhr IBG-Mitgliederversammlung

  • 10:00 – 12:00 Uhr: »Was machen wir da eigentlich?«

  • 12:15 Uhr: Synopse und Verabschiedung

  • 12:45 Uhr: Ende


Weitere Informationen

Das konkrete Tagungsprogramm folgt. Informationen zur Anmeldung und zu den Kosten folgen.


Tagungsort

Kreuz & Quer Haus der Kirche

Bohlenplatz 1

91054 Erlangen


Kontakt


Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Institut für Buchwissenschaft

Prof. Dr. Svenja Hagenhoff


buwi-tagung@fau.de Betreff: IBG 2019