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Vortrag auf der Jahrestagung der Fachgruppe Digitale Kommunikation der DGPuK

Svenja Hagenhoff hält am 8. November 2018 in Erfurt einen Vortrag zum Thema »Denkzeug anstelle von Werkzeug, Problemklassen anstelle akuter Phänomene: Versuch eines Beitrags zum Verständnis von Strukturen und Paradigmen« .

Abstract

Im wissenschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Diskurs über »Die Digitalisierung« wird der »tiefgreifende Wandel« aufgrund des Vorhandenseins und der Bedeutung von Algorithmen und Daten konstatiert. Veränderungen betreffen die Praktiken der Mediennutzung oder die Eigenschaften von Artefakten. Betroffen sind aber auch Organisationsleistungen sowie die Institutionen, die den handelnden Branchenakteuren einen Rahmen setzen. Die Veränderungen in diesem Gesamtgefüge, die wir größtenteils noch gar nicht richtig sortiert haben und die sich noch nicht richtig fassen lassen, ziehen Veränderungen in Bezug auf die zu leistende Arbeit und die Kompetenzen der zukünftigen Mitarbeiter in der Medien- und Kommunikationsbranche nach sich. Was ist eigentlich das, was in Bezug auf die Digitalisierung und Technologie nun zu lernen ist? Die Forderungen umfassen exemplarisch Erlernen einer Programmiersprache, Beherrschen des jüngsten XML- oder EPUBDerivats, den Umgang mit gerade angesagten Social Media-Instrumenten oder das Beherrschen des allerneuesten „Killerphänomens“, im Moment: wahlweise Künstliche Intelligenz oder Blockchains. Diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig und zudem recht vital, und alleine deswegen ließe sich die Frage stellen, ob das exemplarisch Aufgezählte überhaupt kategorial das Richtige und damit das Nützliche ist.

Der Beitrag wird argumentieren, dass das Genannte nicht das Richtige ist. Vielmehr geht es um ein grundsätzliches Verständnis davon, was »Software«, diese »Algorithmen« und »Daten« eigentlich sind, was sie können und was nicht. Nur wer grundlegende Mechanismen und Paradigmen kennt, ist losgelöst von unzähligen konkreten Gegenständen in ihren jeweils aktuellen Ausprägungen urteils-, handlungs- und vor allem gestaltungsfähig. Wer über ggf. neu zu gestaltende Curricula in Berufs- und Hochschulen nachdenkt muss also zuvorderst nicht über konkrete zu vermittelnde Technologien und Werkzeuge nachdenken, sondern über fundamentale Prinzipien: Erst das Verständnis darüber, was z.B. strukturierte und was unstrukturierte Daten sind erlaubt ein fundiertes Verständnis konkreter Technologien, gleich in welcher Ausprägung sie sich akut präsentieren. Mit der Forderung auch aus der Praxis nach der Vermittlung von mehr direkt anwendbarem Wissen in den Hochschulen laufen wir Gefahr Theorien und Paradigmen von nachhaltiger und damit vitaler Nützlichkeit gegen lediglich temporär Belastbares zu tauschen, und anstelle von Denkzeug eben nur Werkzeug, anstelle des Verständnisses grundlegender Problemklassen eben nur aktuell sich präsentierende Phänomene zu vermitteln (»Filter Bubble: war zum Zeitpunkt x zum Thema y vorhanden ja oder nein«) und in einem Diskurs mit nicht enden wollender Aufregung stets atemlos von einem Hype zum nächsten zu recherchieren.