Navigation

Profil

Womit beschäftigt sich die Buchwissenschaft?

Der Fokus der Arbeiten des Instituts für Buchwissenschaft liegt auf dem System der schriftbasierten Kommunikation. Die hierfür relevanten Medien sind Schrift- bzw. Lesemedien: In ihnen werden Inhalte visuell in der Fläche präsentiert. Die Rezeption der Inhalte erfolgt mithilfe der Kulturtechnik Lesen als Prozess der Decodierung bedeutungstragender Symbole. Lesen als Technik ist nicht auf Schriftzeichen im engen Sinne limitiert, sondern umfasst weitere komplexe visuelle Darstellungsformen statischer Art.

Schrift- und Lesemedien wie die Schriftrolle, die mittelalterliche Handschrift, die gedruckten Medien Buch, Flugblatt und -schrift, Zeitung oder Zeitschrift sowie die elektronischen Formen, wie z.B. E-Book, App oder Blog, übernahmen und übernehmen eine wichtige Rolle für die Organisation von Gesellschaften. Sie dienten und dienen der Information, Bildung und Unterhaltung, aber auch der Verständigung über gesellschaftliche Normen und Werte.

Abstrahiert von konkreten Materialobjekten stehen im Kern von Forschung und Lehre die folgenden Formalobjekte, die die Erlanger Buchwissenschaft als akademische Disziplin charakterisieren:

Die Analyse der Mediennutzung und -rezeption, insb. des Lesens und der Leser

behandelt Fragen rund um die Rezipienten und den Prozess des Rezipierens von Schriftmedien. Untersucht werden Verhaltensweisen von Lesern, die Umgebungen in denen und die Bedingungen unter denen gelesen wird, das Zusammenspiel der Eigenschaften der Schriftmedien mit dem Leseprozess sowie die gesellschaftlichen Funktionen des Lesens und die Zuschreibungen an Schriftmedien und das Lesen.

Die Analyse der Institutionen

beschäftigt sich mit den Gesetzen, Regeln und Usancen, die das System der Schriftmedienkommunikation beobachten, fördern, stützen, kontrollieren oder auch regulieren und einschränken. Wie wurden und werden die Menschen in Geschichte und Gegenwart an der Verbreitung bestimmter Informationen gehindert und welche Strategien haben sie entwickelt, um die Schranken zu umgehen? Warum können Buchhändler die Preise für Bücher in einigen Ländern nicht frei gestalten?

Die Analyse der Organisationsleistungen 

stellt die Unternehmen, Strukturen und Prozesse in den Mittelpunkt, deren Aufgabe es ist, Schriftmedien herzustellen und zu verbreiten. Skriptorium und Druckerei, Verlag, Buch- und Pressehandel und Bibliotheken hatten und haben bestimmte Aufgaben. Welche sind das und warum sind die Aufgaben auf die einzelnen Organisationen so verteilt, wie sie sind? Welche Akteure haben im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren, welche kommen im Zuge aktueller Entwicklungen neu hinzu? Wie komplex sind die Prozesse des Erzeugens und Distribuierens papierbasierter oder digitaler Schriftmedien?

Die Analyse der kommunikativen Leistungen

fragt nach dem Zweck und dem Nutzen der verschiedenen Materialobjekte: Welches Objekt ist wofür das Richtige? Wofür eigenen sich Schrift- und Lesemedien? Wann ist die Codexform passend, wann die Anzeigefläche, wann die Datenbank mit Informationen? Was unterscheidet überhaupt ein Buch von einem Magazin, sowohl gedruckt als auch digital?

Die Analyse der Beschaffenheit von Schrift- und Lesemedien

beobachtet die Eigenschaften der verschiedenen Materialobjekte: Welche materiellen und funktionalen Eigenschaften weisen unterschiedliche Träger- und Übertragungsmedien wie Pergament, Papier oder digitale Impulse auf und wie gingen und gehen Leser damit um? Wie hängt die typographische Gestaltung mit den Inhalten zusammen, die über Schrift- und Lesemedien verbreitet werden und wie wird der Akt des Lesens dadurch beeinflusst? Wie entstehen Medientypen und wie verändern sie sich? Welche Auswirkungen haben die Beschaffenheiten auf Produktions- und Distributionssysteme sowie auf die Möglichkeit, die Artefakte zu benutzen? Und nicht zuletzt: Welche Beziehungen lassen sich zwischen Inhalt, Medientyp, Leser- und Käufergruppen und deren Interessen herstellen?

Das bedeutet: »Buchkommunikation« ist ein komplexes System

Zusammengefasst stehen im Kern von Forschung und Lehre in Erlangen Kommunikationssysteme, verstanden als komplexes Gewebe aus

  • handelnden Akteuren, die Kommunikate intellektuell schöpfen bzw. erzeugen, distribuieren sowie rezipieren;
  • Schrift- und Lesemedien als Artefakte zu Transport, Speicherung und zur Nutzung von Kommunikaten sowie auch als eigenes Zeichen- und Symbolsystem;
  • Techniken und Infrastrukturen zur Produktion und zur logistischen wie akquisitorischen Distribution dieser Medien bzw. zur Zirkulation der Kommunikate sowie
  • Organisationsleistungen zur Produktion und Distribution der Artefakte.

Das Kommunikationssystem ist publizistischer Natur: Die Kommunikate sind grundsätzlich für die Öffentlichkeit und nicht für einzelne Individuen gedacht, sie sollen in der Gesellschaft diffundieren. Das Institut für Buchwissenschaft widmet sich vornehmlich (aber nicht nur) der kulturellen Kommunikation bzw. der kulturellen Öffentlichkeit. 

Auf das Kommunikationssystem wirken Institutionen, verstanden als Regelwerke externer und interner Art, die die Verhaltensweisen der handelnden Akteure fördern oder limitieren und damit maßgeblich die Funktionalität eines konkreten Kommunikationssystems beeinflussen.

Diese Institutionen ebenso wie die Akteure sind eingebettet in Gesellschaft und Kultur und geprägt von historischen Entwicklungen.

Siehe auch Was ist Buchwissenschaft? auf der Seite Studium.

Welches sind die Methoden und Erkenntnisziele?

Das Fach konturiert sich in Erlangen als Schnittstellenfach mit sozial- sowie geisteswissenschaftlichen Zugängen. Es untersucht gesellschaftsrelevante, menschengemachte Phänomene in Form von materiellen Artefakten (Medien, Infrastrukturen), Institutionen (z.B. Regulierung, Usan­cen) und Verhaltensweisen (z.B. Mediennutzung, Entscheidungen) und die Verflechtungen da­zwischen.

Es arbeitet zwingend empirisch: Untersucht werden Phänomene und Problem­stel­lun­gen, die in medial kommunizierenden Gesellschaften real existier(t)en und versucht sich hieran erklärend und gestaltend. Leitend ist die Behandlung der Formalobjekte auf den drei Ebenen Mikro, Meso und Makro.

Um Neuartiges und Wandel von lediglich Vermeint­lichem unterscheiden zu können und um für die Erkenntnisziele Antecedensbedingungen analy­sieren zu können, ar­beitet das Fach auch historiografisch und betrachtet Phänomene und Lösungen anderer Epochen.